Arne Warnken
 

Differenzierung im Sportunterricht


1.  Definition der Differenzierung:
 
Differenzen erfordern DifferenzierungDifferenzen erfordern Differenzierung
Differenzen erfordern Differenzierung
„Der Begriff der Differenzierung umfasst alle organisatorischen und methodischen Bemühungen, die darauf abzielen, den individuellen Begabungen, Fähigkeiten, Neigungen und Interessen einzelner Schüler oder Schülergruppen innerhalb einer Schule oder Klasse gerecht zu werden.“

Klafki, Wolfgang / Stöcker, Hermann: Innere Differenzierung des Unterrichts.
In: Zeitschrift für Pädagogik,  22. Jg. (1976), 4, S. 497 f.


 
2.  Grundformen der Differenzierung:

1.) Niveau- oder Leistungsdifferenzierung
(unterschiedliche Fähigkeiten und Leistungsvoraussetzungen der Schüler, z. B. A- oder B-Kurse)

2.) Interessen- oder Wahldifferenzierung
(Ausrichtung des Unterrichts auf die unterschiedlichsten Interessen und Neigungen der Schüler)

3.) Äußere Differenzierung
(Schularten, -zweigen, -klassen und nach Kursgruppen)

4.) Innere Differenzierung
„Versuch, die Lernprozesse auf das Begabungs- und Leistungsgefälle sowie auf die Interessensdivergenzen innerhalb einer Lerngruppe auszurichten.“  (Söll)
 
 
 

2.1  Verschiedene Ebenen der Differenzierung


 
 
 

3.  Welche Ziele soll ein differenzierter Sportunterricht erfüllen?

- Optimale sportspezifische Förderung des Einzelnen  (Söll)
- Individuelle Disposition fördern (Günzel)
- Neigungen und Fähigkeiten einzelner entwickeln
- Ermuntern leistungsschwacher Schüler
- Leistungsstarke fördern
- Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten fördern
- Erziehung zum einmaligen Menschen
  (steht im Gegensatz zum einheitlich formulierten und normierten Lernziel einer Bewegung)
- U.v.m.
 
 

4.  Möglichkeiten und Ebenen der inneren Differenzierung nach Söll

4.1  Didaktische Differenzierung:

Unterschiede qualitativer oder quantitativer Art in den Zielsetzungen des Unterrichts.
Der Klassenverband bleibt zwar erhalten, der eigentliche Lern- und Unterrichtsprozess wird aber auf Untergruppen oder auch auf einzelne Schüler verlagert.
Es wird sozusagen die äußere Differenzierung auf den Unterricht im Klassenverband übertragen.

„Unter didaktischer Differenzierung sind somit alle Formen und Methoden der Differenzierung zu verstehen, die bestimmend und zum Teil verändernd in die inhaltlichen und organisatorische Gestaltung des Klassenunterrichts eingreifen.“
[Söll, 1979, (1. Teilband) S. 83.]
 
 

4.1.1  Strukturbild der didaktischen Differenzierung:


 
 

4.2  Methodische Differenzierung
Die Klasse wird als geschlossene Lerngruppe beibehalten. Von einer gemeinsamen Zielsetzung wird nur kurzfristig abgegangen. Die Differenzierung erfolgt vorwiegend mit methodischen Mitteln.

„Methodische Differenzierung bezeichnet die differenzierenden Maßnahmen, die bei prinzipieller Wahrung der Einheitlichkeit des Klassenunterrichts anwendbar sind.“
[Söll, 1979, (1. Teilband) S. 83.]
 

4.2.1  Grundverfahrensweisen der methodische Differenzierung
Es werden zwei Arten der Grundverfahrensweisen unterschieden:
- konvergente Differenzierung (annähernde)
- divergente Differenzierung (auseinanderstrebende)
 

4.2.1.1 Konvergente Differenzierung
Die konvergente Differenzierung zielt darauf ab, die Schüler von verschiedenen Ausgangsniveaus zum generell gleichen Ziel zu bringen. (z. B. wichtige Disziplinen, Techniken und Kernübungen einzelner Sportarten).

In der Regel werden sich in der Klasse drei Gruppen ergeben:

a) eine kleine Gruppe (I) wird die Übung bereits können oder mit wenigen Versuchen direkt erlernen.
b) Die Mehrzahl (II) muss an die Übung herangeführt werden. Mit methodischen Maßnahmen wird das Ziel über Zwischenstufen relativ schnell erreicht.
c) Eine Minderheit von Schülern (III) wird das Ziel nicht oder nicht ganz erreichen und auf einer Zwischenstufe stehen bleiben.
 


 
 
 

Die konvergente Differenzierung ist also gekennzeichnet von Primärgruppen mit bereits vorher bestehenden Leistungsunterschieden. Der normative Lehrweg wird für die Mittelgruppe angelegt, und die Sonderprogramme für die „Extremgruppen“, d.h. leistungsschwache und -starke Schüler.

D.h., leistungsschwächere Schüler können im normalen Übungsbetrieb „mitlaufen“ oder „mitschwimmen“ dafür aber:
- später ins Ziel kommen,
- geringere Wiederholungszahl haben,
- technisch „schlechtere“ Ausführung der Übung  zeigen,
- oder eine einfachere technischen Variante nutzen.
 

Für leistungsstärkere Schüler würde dieser Unterricht eine permanente Unterforderung bedeuten.
Deshalb sind diesen Schülern Anreize zu bieten, sich trotzdem anzustrengen für:

- bessere Zeiten
- höhere Wiederholungszahlen
- bessere Bewegungsausführung
- Einsatz als Helfer (in der Mittelgruppe).

Problem: die Sonderprogramme müssen soweit wie möglich in den allgemeinen Lehrweg integriert werden, so dass der einheitliche Klassenunterricht beibehalten wird.

Methoden und Maßnahmen:
Prinzipien der Erleichterung der Übung selbst und der Übungsbedingungen (z.B. Einsatz von Vorübungen, Hilfsübungen, Einsatz von Lernhilfen, Geländehilfen, Gerätehilfen).
 

4.2.1.2 Divergente Differenzierung
Die divergente Differenzierung geht von einem relativ einheitlichen Ausgangsniveau aus (z.B. Üben, Festigen, Anwenden von Kernübungen). Daraus entwickelt sich eine Auffächerung der einheitlichen Klasse um einzelne Schüler individuell zu fördern.
 

Die Klasse beginnt mit Übungen, die alle beherrschen. Mit weiterem Fortschreiten der progressiv aufgebauten Übungsfolge werden immer mehr Schüler ihre Leistungsgrenze erreichen. Sie üben jetzt die letzte oder auch vorletzte erreichte Übung (I). Eine weitere Möglichkeit bestände darin, auch diese Gruppe (oder Teile) unter erleichterten Bedingungen üben zu lassen (II). Die verbleibenden Schüler werden weiter nach ihren Möglichkeiten gefördert (III).
Dieses Verlassen des Klassenverbandes soll allerdings nur kurze Zeit erfolgen.

Probleme:
- Es kann zu Frustrationen der Leistungsschwachen führen.
- Der Leistungsgedanke in der Schule wird stärker verankert
- Es erfolgt eine Trennung in Leistungsgruppen (Riegen)
- Das soziale Lernen (voneinander lernen, helfen) wird gehemmt.
Der Unterricht ist vorwiegend auf technische Bewegungsausführungen ausgerichtet.
 
 

5.  Möglichkeiten der methodischen Differenzierung: (exemplarisch)

a)
Üben nach offener Wiederholungszahl oder Zeit
(1000 m zu laufen ohne Zeitangabe. Besser für den unterrichtlichen Rahmen wäre 5 min ohne Streckenangabe zu laufen).

b)
Systematische Steigerung der Belastung
(hier wird die Klasse wieder in Leistungsgruppen eingeteilt und entsprechend eine dosierte Belastung vorgegeben)

- I:  3 Läufe über 150 m u. 3 min. Pause
- II: 3 Läufe über 120 m u. 3 min. Pause
- III: 3 Läufe über 120 m u. 4 min. Pause
- IV: 3 Läufe über   80 m u. 4 min. Pause

c)
Veränderung der Übungsbedingungen, z.B.

- Gerätehöhe, Maße, Größe, Gewicht, Spielfeldgrößen, Netzhöhe
- Gelände- und Gerätehilfen (Absprunghilfen, Erhöhungen der Absprungplattform, schiefe Ebenen, bewegliche statt feste Hindernisse, Auftriebshilfen, etc.)
- Spezielle Übungshilfen: Ablaufmarkierungen, Zielmarkierungen, erhöhter Widerstand durch Paddles, etc.
- Aktive Bewegungshilfen: Zug-, Schub-, Dreh- und Gleichgewichtshilfen (Gurte, Longen, Hilfestellung, etc.)
- Regelbestimmungen: Vereinfachung in den Spielen, Absprungzone statt Balken, kein Wechselraum.

d)
Übungsveränderung: systematische Erleichterung oder Erschwerung der Übung oder der Ausführung der Übung.

(LA: Wurf aus dem Stand zum Wurf aus dem 3- oder 5-Schritt Anlauf. ODER zusammenführen von Einzelübungen zu Bewegungsfolgen)
Hierunter fasse ich auch die Leistungssteigerung. Festlegen einer genaueren Trefferzone, Vergrößerung der Abstände bei Wurfspielen etc. (Diese werden bei Söll explizit aufgeführt.)
 
 
 

6.  Literatur

Engler, Hans-Jürgen / Kleine, Wilhelm / Otto, Irmgard: Innere Differenzierung im Sportunterricht, Bd. 2; 1983, LFB, Köln.

Größing, Stefan: Einführung in die Sportdidaktik; 3.veränd. Auflage, 1981, Limpert Verlag, Bad Homburg.

Günzel, Werner (Hrsg.): Taschenbuch des Sportunterrichts, Band I; 3. neubearb. Auflage, 1985,
Pädagogischer Verlag Burgbücherei Schneider, Dillingen.

Herber, Hans-Jörg: Innere Differenzierung im Unterricht; 1983, Kohhammer, Stuttgart.

Heymann, Norbert / Leue, Winfried: Planung von Sportunterricht; 4. völlig überarb. Auflage, 2000,
Schneider Verlag, Hohengehren.

Loebell, Peter: Lernen und Individualität (Diss.); 2000, Göttingen.

Söll, Wolfgang: Sportunterricht – Sport unterrichten. Ein Handbuch für Sportlehrer; 4. unveränderte Auflage, 2000,
Verlag Karl Hofmann, Schorndorf.

Söll, Wolfgang: Differenzierung im Sportunterricht; Erster Teilband, 1979, Hofmann, Schorndorf.

Söll, Wolfgang: Differenzierung im Sportunterricht; Zweiter Teilband, 1979, Hofmann, Schorndorf.
 

7.  Periodika

Stemper, Theo: Differenzierung des Sportunterrichts. In: Sportunterricht, 31. Jg. (1982), 8, S. 286 f.

Völker, Birgit: Möglichkeiten der Differenzierung im Schwimmunterricht in der Primarstufe.
In: Sportunterricht, 31. Jg. (1982), 8, S. 306 f.

Klafki, Wolfgang / Stöcker, Hermann: Innere Differenzierung des Unterrichts.
In: Zeitschrift für Pädagogik, 22. Jg. (1976), 4, S. 497 f.

Kretschmer, Jürgen: Differenzieren im Sportunterricht. In: Sportpädagogik, 1987, 5, S. 14 f.

Vollstät, Witlof: Differenzierung im Unterricht. Oder: Prüfungswissen kompakt.
In: Pädagogik 1997, 12, S. 36-40.
 
 

8.  Anlage

Differenzen erfordern Differenzierung:
Der Sportlehrer wird mit dieser großen Leistungsheterogenität konfrontiert und sollte den daraus entstehenden Anforderungen gerecht werden.

Aus: Engler, S. 28.
  • körperliche Beeinträchtigungen (orthopäd., internistisch, koordinative Störungen,  Übergewicht, genetisch bedingte [Reaktionsfähigkeit etc]...)
  • generell leistungsschwache Schüler (kleine, schwache, körperl. zurückgebliebene, große und schlacksige, ...)
  • partiell leistungsschwache Schüler
  • Altersunterschiede (Aufrücker, Wiederholer, Einschulungsalter)
  • Leistungssportler
  •